Willkommen auf evelyne-bechmann.de

Die Turkanows - ein Leben zwischen Musik und Ruhm - Roman


Sergeji Turkanow, ein berühmter sowjetischer Pianist, nutzt ein Konzert in Paris, um sich in den Westen abzusetzen. Auf der Flucht vor den Häschern des KGB, nimmt er die Hilfe von Isabella von Höhenberg, einer renommierten Sopranistin, in Anspruch. Sie schleust ihn heimlich nach Deutschland ein. Beide große Musiker, scheint ihnen die Konzertwelt offen zu stehen. Als sie heiraten, wird Sergeji bewusst, wie groß doch die Unterschiede zwischen ihnen sind. Er mittellos, sie Tochter einer reichen Unternehmerfamilie, sogar mit eigenem Flugzeug. Doch zunehmend irritiert stellt Sergeji fest, dass Isabella selbstsüchtig und lieblos ist. Das Dilemma wird noch größer, als Isabella schwanger wird. Sie lehnt das Kind ab, weil es ihre Karriere zerstören könnte. So entfremden sich Isabella und Sergeji und die Familientragödie nimmt ihren Lauf.


Leseprobe:
Die Flucht

 

Gerade hat Isabella von Höhenberg den ARD-Wettbewerb im Fach Sopran gewonnen. Sie hat vor zwei Monaten alle anderen Bewerberinnen förmlich an die Wand gesungen. Natürlich hat sie eine hervorragende Ausbildung genossen. Dafür hat schon ihr Vater Maximilian von Höhenberg, ein Großindustrieller gesorgt. In Isabellas Kindheit zeigte sich schon ihr glockenreiner Sopran. Schon früh singt sie im Kinderchor auch Solos. Auch während ihrer Zeit auf dem Gymnasium fährt sie immer wieder zu Gesangsfortbildungen und erhält Meisterstunden von den bekanntesten Gesangslehrern in Deutschland und Europa. Finanziell braucht sie sich nicht zu sorgen, sie ist das einzige Kind der von Höhenbergs und wird später alles erben. Als sie den Wettbewerb gewinnt, schenkt ihr der Vater einen Privatjet, mit dem Sie nun zu den Konzertterminen fliegen kann. Die Angebote häufen sich, sie wird in Zukunft viel unterwegs sein, das weiß der Vater und möchte es seiner Tochter so angenehm, wie möglich machen.
Gerade ist Isabella in Paris, sie soll mehrere Liederabende geben, mit Liedern von Mozart, Schubert und Richard Strauss. Sie wird zusammen mit dem Symphonieorchester Leningrad, wie St. Petersburg damals noch heißt und den Pianisten Sergeji Turkanow auftreten. Turkanow hat vor einem Jahr den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewonnen und ist nun zum ersten Mal, mit den Symphonikern im Westen, zu einer Konzerttournee unterwegs. Turkanow hat vor, und bisher weiß das Niemand, im Westen zu bleiben. Die strenge Reglementierung, ob man nun reisen darf oder nicht, das ist ihm, dem freiheitsliebenden Menschen zuwider. Aber noch weiß er nicht, wie er es anstellen soll sich abzusetzen. Es sind zwei Leute vom KGB dabei, die auf sie Künstler aufpassen, damit keiner abhanden kommt. Es ist ihm klar, dass die einzige Möglichkeit sich abzusetzen dann sein wird, wenn ein Konzert zu Ende ist und man in die Garderoben zum umziehen geht. Da herrscht immer ein leichtes Chaos und die Aufpasser verlieren leicht die Übersicht, weil sie nicht nur auf die Menschen, sondern auch auf die teilweise kostbaren Instrumente aufpassen müssen. Turkanow weiß aber auch, dass er bis jetzt nicht unangenehm aufgefallen ist und als linientreu gilt. Wenn es ihm beim ersten Mal gelingen würde, sich abzusetzen wäre es ein Überraschungsmoment, mit dem Niemand rechnen würde, aber wenn nicht …? Ja, dann konnte er Tourneen ins Ausland vorerst vergessen und sicher würde er in der Sowjetunion eine Freiheitsstrafe wegen Republikflucht verbüßen müssen. Er steckte also in einer misslichen Lage. Heimlich hatte er in seiner Heimat die deutsche Sprache erlernt, denn Deutschland, das war das Land seiner Wahl. Die Mutter eines Schulfreundes hatte deutsche Großeltern und da sich Sergeji für die Sprache interessierte lernte er mit seinem Freund zusammen bei der Mutter Deutsch. Das aber wussten nicht mal Sergejis Eltern. Niemand ahnte also etwas davon, was er vorhatte. Vom Flughafen Orly wurden sie sofort in ein Hotel gefahren, das sich neben der Konzerthalle befand. Ein „Aufpasser“ befand sich bei ihnen im Bus und er hatte den Auftrag, die Türen erst zu öffnen, wenn sie vor dem Hotel waren und der zweite Mann vor der Tür stand, um die Künstler in Empfang zu nehmen. Sergeji wusste schon gar nicht mehr, wie oft sie von den beiden KGB-Leuten gezählt wurden. Selbst wenn sie zur Toiletten mussten, war es nötig sich abzumelden. Meistens wurde man begleitet, außer die Fenster der Toiletten waren vergittert.
Und dann war da Isabella von Höhenberg, eine hübsche, junge Frau, deren Gesang er am Klavier begleiten durfte. Vor den drei Konzerten waren an vier Tagen davor Proben angesetzt. Jeweils vormittags und nachmittags eine. Mit den Symphonikern übte Sergeji vormittags ein Klavierkonzert von Beethoven und nachmittags mit Isabella die Lieder. Immer war ein KGB-Mann dabei. Aber bei der zweiten Probe schaffte es Sergeji, der Sängerin einen Zettel unbemerkt zuzuschieben. Darauf stand: „Wenn Sie können, helfen Sie mir. Ich möchte im Westen, am liebsten in Deutschland, bleiben. Ich halte es in der Sowjetunion nicht mehr aus. Ich möchte endlich frei entscheiden können, wo ich meine Musik vortrage. Erwarte Ihre Antwort auf demselben Wege. Aber Vorsicht!“ Ganz bewusst setzte er seinen Namen nicht darunter, falls der Zettel in die verkehrten Hände fiel. Isabella hatte sofort verstanden, als sie den Zettel in ihren Händen fühlte. Schwuppdiwupp landete die Notiz in ihrem Ausschnitt, dabei sah es nur so aus, als rücke sie ihren BH zurecht. Erst im Hotel, als sie allein im Zimmer war, öffnete sie die Notiz. Sie hatte mit vielem gerechnet, am ehesten mit einer Liebeserklärung, denn auch ihr war der junge, geheimnisvolle Russe nicht gleichgültig. Aber nun war da ein Mensch, der ihre Hilfe suchte. Warum sollte sie ihm nicht helfen? Er war ein wunderbarer Pianist und vielleicht konnten sie gemeinsam Karriere machen. Wenn sie ihn nach Deutschland schmuggeln konnte, Vater würde schon Rat wissen. Aber zunächst mussten sie ja Frankreich auf unauffällige Art und Weise verlassen und das würde schwer genug sein. Aber Isabella war eine phantasievolle Frau. Sie ging in das nächste größere Lederwarengeschäft in Paris und kaufte einen zusätzlichen hohen Schrankkoffer. Gut, bequem würde es darin nicht sein, dachte sie, aber die halbe Stunde Fahrzeit bis zum Flughafen in Orly müsste man darin schon überstehen können, d. h. am besten doch im alten Schrankkoffer, da fiel es nicht auf, wenn sie ein paar Luftlöcher hineinbohrte. Sie hatte alles detailgetreu geplant, als sie Sergeji ihr Antwortkassiber schrieb. Alle Koffer sollten am Freitag, bevor sie nach dem Konzert nach Deutschland zurückflog, schon zum Jet gebracht werden, der dann ab 22.30 Uhr zum Abflug für sie bereitstand. Wenn sie und der alte Schrankkoffer, den sie aus der Garderobe mitbrachte, einstiegen und eingeladen wurden, da erfolgte normalerweise keine Kontrolle mehr. Sergeji würde es halt mit ihrer Bühnenrobe im Koffer bis zum Jet aushalten müssen. Ein großes Transporttaxi hatte sie schon bestellt. Niemand erfuhr von ihrem Plan, nicht mal den Eltern, mit denen sie jeden Abend telefonierte, sagte sie ein Sterbenswörtchen. Bis jetzt lief alles wie geplant.
Aber bei der dritten Probe schaffte sie es nicht, Segeji den Zettel zuzustecken. Der Herr vom KGB, der heute auf sie aufpasste, war sehr musikinteressiert und war immer zugegen, um auf Englisch zu dolmetschen und er konnte die Sprache nicht wirklich gut. Wenn er wüsste, dachte Isabella, wir könnten uns prima auf Deutsch verständigen, sonst hätte Sergeji nicht in so perfektem Deutsch geschrieben. Oder wollte man sie nur testen? Aber ihr Gefühl sagte ihr, dass es ihr junger Klavierbegleiter ehrlich meinte und ja,... sie hatte sich ein wenig in ihn verliebt. Endlich, bei der vierten Probe war wieder der andere Spitzel dabei. Er saß meistens nur im Zuschauerraum und las die Prawda. Nur selten sah er zu ihnen hinauf. Er ahnte nicht, was sich da zusammenbraute. Mit einem Tempotaschentuch, das Isabella wie zufällig auf dem Flügel ablegte, wechselte die Nachricht, die für Sergeji die Freiheit bedeuten sollte, den Besitzer. So unauffällig wie möglich steckte Sergeji den Zettel ein. Nach der Probe suchte er die Toilette auf. Hier durfte er allein hin, da die Fenster mit Gittern versehen waren. Und dann las er: „Ich will und kann Ihnen helfen. Kommen sie am Freitag nach dem Konzert möglichst unauffällig in meine Garderobe. Es muss alles schnell gehen. Auf dem Flughafen in Orly wartet mein Privatjet. Mein Taxi für gleich nach dem Konzert ist bestellt. Sie müssten allerdings die Fahrt zum Flughafen in meinem Schrankkoffer (mit Luftlöchern!) hinter sich bringen. Im Flieger werde ich sie dann gleich befreien. Mein Flugpersonal ist loyal, da es von meinem Vater bezahlt wird. Vernichten Sie den Zettel, damit Niemand Verdacht schöpft. Wenn wir uns nach dem Konzert verbeugen, dann drücken sie mir dreimal hintereinander fest die Hand, dann weiß ich, dass sie mitkommen, Isabella.“
Dann kam der Freitagabend und das letzte Konzert. Schon die ersten beiden Konzerte waren ein voller Erfolg gewesen. Aber heute schien es, als sänge Isabella besonders ausdrucksstark und als spiele Sergeji besonders einfühlsam. Am Schluss „Standing Ovations“. Sergeji hatte alles im Hotelzimmer zurückgelassen. Den Pass hatten ohnehin die Männer vom KGB. Nur seinen Führerschein hatte er dabei, vorsorglich mitgenommen, damit er wenigstens ein Dokument hatte, wenn ihm die Flucht gelänge. Die Leningrader Symphoniker würden heute auch zurückfliegen, aber vom Flughafen Orly aus, in einer normalen Aeroflotmaschine. Und dann ging alles ganz schnell.
Sergeji war ein wenig hinter den Anderen geblieben, da er noch die Noten vom Flügel sammelte. Die Anderen überließen das den Bühnenarbeitern. Daheim in der Sowjetunion (wie Russland damals noch hieß!) hatten sie genügend Musikstudenten, die dann die Noten wieder sortieren durften. Dann machte er sich vorsichtig auf den Weg in Isabellas Garderobe. Sie hatte die Garderobenfrau schon heimgeschickt. Schnell warf sie sich die Straßenkleidung über und schmunzelte. Sergeji hatte ihre Hand dreimal gedrückt. Er würde also kommen. Welch ein Abenteuer! Da stand er auch schon vor ihr. Sie bedeutete ihm, nicht zu sprechen, sondern wies ihm seinen Platz im Schrankkoffer zu. Ohne zu zögern stieg Sergeji ein. Der Mann im Frack bekam ihr Bühnenkleid in die Hand gedrückt, dann wurde es dunkel um ihn herum. Isabella sperrte den Koffer ab und rollte ihn zum Ausgang. Zusammen mit dem Taxifahrer hoben sie das schwere Gepäckstück in den Wagen. So ganz sanft ging das nicht vonstatten. Ein paar blaue Flecken trug Sergeji schon davon, aber er durfte seine Schmerzen nicht hinausschreien. Er biss in die Abendrobe der schönen Isabella und fürchtete sich schon vor der Entladung. Das Taxi kam auf den abendlichen Straßen von Paris gut voran und tatsächlich erreichten sie nach einer halben Stunde Orly, wo der Jet schon startklar bereitstand.

Weitere Textprobe unter "Buch 8)